Die Sage vom Bichelsee (nach Dino Larese)

In jener Zeit lebte in einem stillen Waldtale im hintern Thurgau eine einfache, brave, arme Frau, die schon in frühen Jahren Witwe geworden war und als einziges Erbe und Gut einen prächtigen Eichwald besass, mit grossen, starken Bäumen und reichen Pilz- und Erdbeerschlägen, wo sie manchmal eine reichere Zutat für ihren ärmlichen Tisch finden konnte. Man begegnete ihr oft auf den stillen, moosigen Pfaden, wenn sie Tannzapfen und abgefallenes Holz zusammensuchte oder auch die reifen Haselnüsse aus den Büschen holte, immer freundlich und glücklich; ein altes, zufriedenes Mütterlein, vor dem die Hasen und Rehe, sogar der Kuckuck, nicht mehr die Flucht ergriffen. Wenn es immer so geblieben wäre!

Aber da hauste in der Nähe in seiner alten Burg ein griesgrämiger, habgieriger Ritter, über den man unter dem Volke allerlei Dunkles munkelte. Oftmals am Tag trat er ans Fenster und spähte hinüber, wo die wunderbaren Waldbäume der Witwe rauschten. Und er schaute lange hinüber. Und in seinem dunklen Sinn hakte sich der Gedanke fest: Diesen Wald musst du haben, koste es, was es wolle!

 

So dachte er und trat eines Mittags, als die Witwe in ihrer ärmlichen Küche vor einem Topf Suppe sass, einen langen, dunklen Schatten werfend, herein. Er tat der erschrockenen Frau seine Absicht kund, ihren Wald zu kaufen. Das arme Frauchen zitterte sehr und stotterte auch in ihrer Aufregung; aber was sie sagte, klang eindeutig, entschieden und unmissverständlich; denn sie wollte den Wald nicht geben, um alle Schätze der Erde nicht, war er doch ein Erbstück ihres seligen Mannes, das sie in Ehren halten wollte. Das hatte der Ritter wohl nicht erwartet, er erblasste vor Wut, knirschte mit den Zähnen, und ohne ein Wort zu sagen, aber das Herz voll wüster Gedanken, stürmte er auf seine Burg zurück. Mit dunklen Ahnungen blieb die Frau zurück, und unruhigen Gemütes trippelte sie durch ihren lieben Wald, da und dort vor einem Farrenkraut, einem Fliegenpilz, einem Haselbusch, einem glucksenden Wässerlein oder einem Busche stehenbleibend, als wollte sie mit ihnen sprechen und ihr schweres Herz vor ihnen ausschütten; denn ihr ahnte gar Schlimmes. Und sie hatte wohl recht; denn gleichen Tags befahl der Ritter den Amtsmann zu sich aufs Schloss. Und es war damals schon so, dass jedermann tun musste, was die Stärkern befahlen. Mit einigen wilden Drohungen und einem Haufen Geld, das er ihm ver- sprach, brachte er den Amtsmann so weit, dass er ein falsches Schriftstück aufsetzte, worin zu lesen stand, dass der Wald schon vor alten Zeiten zum Besitz des Schlosses gehört habe. Er siegelte die Urkunde und versah sie mit seiner Unterschrift. Es war ein trüber Tag. Als die arme Witwe von diesem abscheulichen Betrug vernommen hatte, wurde sie ganz still. Das Lächeln schwand aus ihrem Gesicht, ein bitterer Zug wuchs um ihren Mund, und in ihre Augen trat ein harter Glanz. Sie stand an diesem Abend in ihrem schwarzen Kleide am Fenster, lauschte dem Gesang der Vögel aus den Bäumen, hörte das Rauschen und Plaudern der Äste und Blätter mit dem Wind, und langsam floss eine Träne über ihre Wangen herunter. Nein, niemals sollst du dort drüben den Wald erhalten! «0 Herr Gott», flehte sie inbrünstig und sah hinauf zum Himmel, wo die ersten Sterne flimmerten, «eh du den Wald in diese schmutzigen Hände übergehen lässest, eh du solches Unrecht geschehen lässest, lass den Wald mit allem Getier und allen Pflanzen von dieser Erde verschwinden, Herr Gott!» In der Nacht aber zog ein Unwetter herauf, wie sie es in jener Gegend noch selten erlebt hatten. Es dauerte nicht lange; aber es war, als griffen mächtige Hände mit unsäglicher Gewalt in den Wald hinein und zerdrückten alles; es krachte, splitterte und donnerte, Blitze zischten durch die Schwärze, und ein Wind heulte um die Ecken, dass die Häuser bis in den Grund hinunter bebten. Alle blieben wach in dieser Nacht und beteten in ihrer Herzensangst.

 

Am andern Morgen flüsterten und munkelten die Nachbarn miteinander; denn Vieles war geschehen in dieser bangen Nacht. Dort, wo der Wald der Witwe gestanden war, breitete sich ein weiter, blaugrünschimmernder See aus, aus dem noch einzelne Tannenwipfel in stummer Trauer ragten. Und vom Ritter erzählte man sich, er wäre mitten in der Nacht in wilder Hast auf und davon geritten ins Unwetter hinein. Und da man später nie mehr Kunde von ihm vernahm, flüsterte man gar Schlimmes über sein seltsames Verschwinden.

 

Der See aber blieb und ruht heute noch in stillem Frieden zwischen den Waldhügeln des hintern Thurgaus, und wenn nicht einige Fischer später erzählt hätten, ihre Netze hätten sich oftmals noch im Astwerk der Bäume verfangen und wären zerrissen und zerfetzt aus der Tiefe getaucht, so wüsste man wohl heute nicht mehr so .genau, wie der Bichelsee entstanden ist